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Wir fahren nach Ulqin! Wie bitte? Bis vor ein paar Monaten war das für die meisten
von uns noch ein Fremdwort. In Montenegro läge dieser Ort. Montenegro? Ach ja, schon
gehört, das liegt doch an der adriatischen Küste
Drei Wochen später schlagen wir ganz andere Töne an. Die Küstenstadt im
Süden des Landes, nahe an der Grenze zu Albanien, ist uns allen ans Herz gewachsen.
Am 11. Juli um fünf Uhr in der Früh stehen 12 müde Gestalten am Busbahnhof
in Bern und reiben sich den Schlaf aus den Augen. Die kleine Gruppe platziert sich im
weissen Minivan, der uns nach Ancona bringt. Im Bauch rumoren gemischte Gefühle:
Einerseits freuen wir uns auf die unbekannte Ferne, auf ein Land, in das noch keiner von
uns den Fuss gesetzt hat. Andererseits ist's uns ein bisschen mulmig: Wie das wohl sein
wird? Ein Lager, von dem wir nur wissen, dass wir rund 50 montenegrinischen Gymnasiasten
Englischunterricht erteilen werden. Können wir das überhaupt? Wie werden die
Leute sein dort unten? Offen? Verschlossen? Wie würden sie auf uns reagieren?
Diese Zweifel sind wie weggewischt, als wir uns nach einer abenteuerlichen Fährfahrt
und einem himmlischen Frühstück vor der Schule versammeln. Nach und nach trudeln
unsere montenegrinischen Gegenspieler" ein. Die noch etwas schüchternen
Helvetier sind schnell bei den Gastfamilien untergebracht. I take you!" heisst
es, mit einem Fingerzeig ist man für die nächsten drei Wochen einquartiert. So
schnell wie er sich gefüllt hat, leert sich der Platz vor dem Schulhaus wieder.
Schon Minuten später wird klar, was in Ulqin wirklich wichtig ist: das Essen.
Do you want to eat something?" entwickelt sich im Laufe der Wochen zur
meistgefürchteten Frage. Sogar in den grossmütterlichen Wortschätzen
tummelt sich das wichtigste aller Wörter. Kaum betritt man das Haus, taucht
Grossmutter hinter dem Vorhang auf: Essen?" Ein höfliches Nein
danke" hilft rein gar nichts mehr.
Doch dank dieser unglaublichen Gastfreundschaft leben wir uns im Nu ein und fühlen
uns schon nach wenigen Stunden wie waschechte Montenegriner. Ein Termin um neun Uhr
morgens? Jaja, viertel nach dort sein ist schon in Ordnung.
Das Lehrerzimmer am nächsten Morgen ist gerammelt voll. Etwa 40 MontenegrinerInnen
und 16 SchweizerInnen sitzen erwartungsvoll auf den Stühlen. Herr Khatana, der
Direktor des Ulqin-Gymnasiums, begrüsst uns und beginnt mit seiner Rede - von der
wir, des Serbischen sehr unkundig, erst kein einziges Wort verstehen.
Glücklicherweise wird alles auf Englisch übersetzt.
Mathias Schär stellt gleich darauf sich selbst und das Schweizer Team vor. Ich
unterrichte Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren", beginnt er, doch er kommt
nicht weit. Das interessiert uns nicht. Wir wollen wissen, ob du verheiratet
bist!", ruft jemand aus der Ecke und erntet damit grosses Gelächter. Mathias
lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und beendet seine Rede, um dann mit Herrn
Katana und Ulqin-Summer-Camp-09-Organisator Elmedin Peku mit einem Rakjia auf die drei
folgenden Wochen anzustossen.
Vierzehn bis neunzehn Jahre alt" wären die Gymnasiasten, und während
manche schon sehr gut Englisch könnten, hätten andere noch grössere
Defizite - das wurde uns jedenfalls während den zwei Vorbereitungsmeetings
mitgeteilt, die im Kirchenfeldschulzimmer im Vorhinein abgehalten wurden. Darum war die
Überraschung umso grösser, als wir erfuhren, dass beinahe alle Teilnehmenden 16
waren. Auch an ihrem Englisch war wenig auszusetzen", einige Schülerinnen
konnten uns beinahe in Grund und Boden reden. Die Gruppen wurden demzufolge nicht mehr in
unterschiedliche Niveaus eingeteilt, sondern eher nach dem Beste-Freundin-Prinzip
zusammengestellt. Was auch seine Vorteile hatte: Die Schülerinnen und Schüler
kannten einander; manche bloss vom flüchtig auf dem Gang Grüssen, andere waren
gute Kolleginnen: Im Klassenzimmer herrschte entspannte Atmosphäre, sowohl die
schweizerischen Lehrer" als auch die montenegrinischen Schüler
fühlten sich wohl. Schon nach dem ersten vorsichtigen Aneinandertasten (resp.
einander Vorstellen) starten wir mit dem Unterricht: Grammatikübungen,
Diskussionsrunden und Geschichten schreiben stehen auf dem Programm. Man versucht, in den
ernsthaften" Englischunterricht auch spielerische Elemente einzubauen und so
für die nötige Auflockerung zwischendurch zu sorgen. Der Unterricht macht beiden
Seiten sehr viel Spass, wir erfahren in den Diskussionen viel Spannendes von der
montenegrinischen Kultur, einer Kultur, die der schweizerischen nicht sehr ähnlich
ist, wir sprechen über den Prozess ihrer Unabhängigkeit von Serbien und lassen
sie auf grossen Plakaten ihr Land vorstellen: Die verschiedenen traditionellen Gerichte,
die beliebtesten Ausflugsziele. Durch den direkten Austausch erfahren wir erstaunliche
Dinge, und sind manchmal derart ins Gespräch vertieft, dass wir das Unterrichtsende
verpassen. Wir alle profitieren von diesen Konversationen in vielerlei Hinsicht.
Sicherlich durch die Themen, aber auch in sprachlicher Hinsicht: Das Englisch Sprechen
fällt allen leichter, wird viel flüssiger. Wir erweitern unser Vokabular auch
mit serbischen und albanischen Begriffen, im Gegenzug lernen die Montenegriner das wohl
berühmteste Schweizer Zungenbrecherwort:
Chuchichäschtli".
Nach den zwei Unterrichtsstunden versammeln sich die zehn helvetischen GymnasiastInnen im
Lehrerzimmer und beginnen mit der Vorbereitung des nächsten Tages, während die
Lehrkräfte den montenegrinischen Schülern mit cultural inputs" die
schweizerische Kultur ein wenig näher bringen. Von fünf bis sieben abends finden
die Workshops statt. Anfangs nicht sehr zur Freude der montenegrinischen Jugendlichen.
Wir sind dann noch am Strand, oder fast schon beim Arbeiten", heisst es von
allen Seiten, das ist viel zu früh. Trotzdem tragen sich die meisten in die von den
Schweizern vorbereiteten Workshops ein. Freundschaftsbänder Knüpfen steht
beispielsweise auf dem Programm; daneben Yoga oder Improvisationstheater. Die haben
gar nicht gewusst, wie das geht", meint Svenja nach ihrem Yoga-Workshop erstaunt.
Spass gemacht hätte es ihnen trotzdem, manchmal so fest, dass sie sich vor Lachen gar
nicht mehr auf die Übungen konzentrieren konnten. Unter der Regie von Davita
entstehen in einem anderen Raum unterdessen bunte Freundschaftsbändchen. Konzentriert
knüpft rund ein Dutzend Schülerinnen. Während sie am Anfang noch ein wenig
Mühe mit den vielen Bändeln haben, geht es nachher wie geschmiert. Eine
Schülerin fragt sogar, ob sie ein wenig Garn nach Hause nehmen darf, um ihrer
Kollegin eines zu knüpfen. Wir können das hier in Ulqin nicht
kaufen", meint sie, und zuckt bedauernd mit den Schultern.
Die zweite Woche sieht schon ganz anders aus. Der Englischunterricht bleibt zwar, im
Programm allerdings gibt es einige Änderungen. Nach Absprache finden die Workshops
nun nicht mehr am Abend, sondern gleich anschliessend an den Unterricht um elf Uhr statt.
Das sind zwar vier Stunden nacheinander, dafür nehmen die SchülerInnen eher
daran teil. Der neue Stundenplan wird schnell akzeptiert. Zudem hat sich ein neues Element
eingewoben: Die montenegrinischen Schüler organisieren Workshops für uns. Am
Montagabend bringen sie uns das Tanzen bei: Ziemlich ungelenk versuchen wir uns in den
Volkstänzen. Trotz dem (meist) fehlenden Talent unsererseits bleibt der Spassfaktor
ungeschlagen, wir tanzen beinahe zwei geschlagene Stunden in der Halle des Schulhauses.
Hat es euch Spass gemacht?", fragt Ivana, und als wir alle nicken, ist das
Strahlen auf ihrem Gesicht nicht zu übersehen. An diesem Abend wird ein weiteres Band
zwischen Montenegro und der Schweiz geknüpft.
Um ein Uhr mittags trennen sich unsere Wege jeweils: Die MontenegrinerInnen gehen nach
Hause, an den Strand oder zur Arbeit, während das Swiss Team im Restaurant Europa
speist. Die Nachmittagsgestaltung ist jedem selbst überlassen. Meist heisst das:
Badehose einpacken und ab an den Strand, entweder an den sandigen Velika Plaza (Long
Beach) oder an den buchtigen und sehr idyllischen Mala Plaza (kleiner Strand). Manchmal
unternehmen alle zusammen etwas, manchmal sind es kleine Grüppchen. Auch die Abende
sind gefüllt mit Programm: Eine Stadtführung durch die wunderschöne
Altstadt von Ulqin, ein gemütliches Feinschmecker-Fischabendessen oder eine
nächtliche Verlobungsfeier am Strand mit Lagerfeuer und Mückenstichen sind nur
einige wenige Beispiele.
An den Wochenenden wird nicht entspannt, da wird was unternommen. Natürlich im
positiven Sinn: Am ersten Samstag werden alle zusammen in einen Bus gepackt und zum
Skutarisee gefahren, wo uns schon unser Ausflugsboot erwartet. Fast den ganzen Tag sind
wir auf dem See unterwegs, besuchen ein Museum und baden im wunderbar kühlen See. Es
wird geplaudert, ausgetauscht, gelacht und genossen. Müde, aber glücklich
steigen wir am Abend aus dem Bus, verteilen uns in alle Himmelsrichtungen und freuen uns
schon auf den Montag, an dem wir uns alle wieder sehen werden. Es ist das erste Mal, dass
wir alle zusammen unterwegs sind, die Freundschaften werden vertieft, die
Schulzimmerstimmung" für einige Stunden gegen
Freizeitatmosphäre" ausgetauscht.
Das Schweizer Team hat am zweiten Wochenende die einzigartige Chance, auch andere Teile
Montenegros kennen zu lernen. In vier Autos geht's am Samstagmorgen um 6 Uhr Richtung
Tara-Schlucht los. Das vierte Auto wurde getreu montenegrinischer Manier spät am
Vorabend organisiert, sprich nach dem Motto: Nur Geduld, das klappt dann schon irgendwie.
Es bringt nichts, schon eine Woche vorher mit dem Organisieren zu beginnen.
Über Podgorica und Niksic erreichen wir unser Exkursionsziel in der Nähe von
Bosnien und werden in Neoprenanzüge verpackt. Nach fast drei Stunden Riverrafting
stärken wir uns bei einem Kartoffel-Fleisch-Eintopf. Auf dem Weg zu unserer
Bungalow-Unterkunft fahren wir durch ein Stück wunderbar unberührte Natur: Der
Nationalpark ganz im Norden offenbart uns während rund drei Stunden nichts als Stein
und Wald, Crna Gora wird seinem Namen voll und ganz gerecht
Am nächsten Tag -
nach einem morgendlichen Bad im kalten Bergsee und einem Frühstück im dicken
Winterpullover - kehren wir der Natur den Rücken zu und stoppen in Cetinje, der
ehemaligen Hauptstadt, und Kotor, der wohl berühmtesten montenegrinischen
Küstenstadt.
Die letzte Woche vergeht wie im Flug. Schon stehen die letzten Schultage an, und wir
bereiten uns fleissig vor auf die grosse Abschiedsparty am Freitag. Das ganze Schulhaus
verwandelt sich unter kreativen Ideen in ein Partylokal": Schweizerkreuze
hängen dem montenegrinischen Wappen gegenüber, bunte Ballons fliegen von der
Decke.
Der Abschied fällt niemandem leicht. Schon bei der offiziellen
Abschiedszeremonie" am letzten Freitagabend spürt man einen Anflug von
Wehmut. Zuerst aber zeigen alle, was sie in den Workshops der vergangenen Wochen
vorbereitet haben: Die Tanzcrew bereitet eine Performance mit Kerzen, Masken und allem
Drum und Dran vor. Die Musikgruppe" präsentierte ihre Gesangskünste
mit Tears in Heaven", dem eigens für dieses Lager umgeschriebene The
Camp is over" und Falling in Love".
Wir haben uns alle in Crna Gora verliebt, deshalb passt das Stück
perfekt", meint Ewa, die in den Tagen vorher mit den rund 20 montenegrinischen und
schweizerischen Leuten die Stücke eigenhändig eingeübt hat. Das optische
Highlight in Form einer Feuershow mit selbst angefertigten Swingern folgt zuletzt, in der
dunklen Nacht draussen auf dem Parkplatz.
Was wir bis anhin verdrängt haben, kommt beim Aufräumen am späten Abend
immer mehr an die Oberfläche: Das war der letzte gemeinsame Abend, bald werden die
Schweizer Ulqin verlassen. Ein kleines Trostpflaster ist die Tatsache, dass am
nächsten Morgen ein gemeinsamer Bootsausflug zur Ada Bojana ansteht. Per Wassertaxi
geht's je eineinhalb Stunden der Küste entlang und wieder zurück. Dazwischen ist
Baden im Fluss und im Meer angesagt. Oder man geniesst ganz einfach gemeinsam die letzten
Stunden und versucht nicht allzu fest daran zu denken, dass vierundzwanzig Stunden
später die Fähre ablegt und das Summer Camp sein Ende finden wird.
Adressen haben wir schon vorher ausgetauscht: Wir schreiben uns ganz bestimmt und
bleiben so in Kontakt!" heisst es von allen Seiten. Auf Facebook hat Emrah schon die
Swiss-Ulcinj-Gruppe" gegründet, die Mitgliederzahl steigt
Und auch
das wichtigste aller Versprechen ertönt von der Schweizer Seite her: Wir kommen
wieder!"
Wir haben die Unterschiede zwischen unseren beiden Ländern kennen und schätzen
gelernt, haben zwei Kulturen aufeinanderprallen sehen. Wir haben Gemeinsamkeiten gefunden,
haben zusammen geredet und gelacht und eine unvergessliche Zeit gehabt. Wir werden das
Summer Camp 09 an einem Estradenplatz in unseren Erinnerungen behalten und hervorkramen,
wenn's mal wieder novembernebelt in der Schweiz.
Und natürlich danken wir Elmedin Peku und Antonia Stalder ganz, ganz fest dafür,
dass sie das Ganze organisiert haben, jawohl!!!!
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