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UNESCO  

Projekt Polen
Projekt Polen
Sommerlager Ulqin
Wo Engagement und Toleranz zur Selbstverständlichkeit werden

Wenn man im polnischen Plonsk das Internat aufsucht, trifft man ein grosses graues Gebäude an, das seine Ähnlichkeit mit einem Gefängnis nicht verbergen kann. Die unteren Fenster sind vergittert, der Innenhof bietet für das Auge nichts als Schutt und abgerissene Fassade. Es riecht nach Kantinenessen und es ist unheimlich still.
Das ändert sich schlagartig, wenn im Innern des dreistöckigen Internats um elf Uhr die Schulzimmertüren geöffnet werden; knapp neunzig polnische Schüler stürmen nach zwei Stunden Deutschunterricht auf die Gänge, um sich in die aufgehängten Angebote des Nachmittags einzuschreiben. Sportliche Ateliers sind sehr beliebt, aber auch Kartenspiele, Malateliers oder musikalische Aktivitäten werden fleissig besucht. In diesem Gelärme von Stühlerücken, Rufen, Gelächter und Geschimpfe (wenn das gewünschte Atelier schon zu viele Teilnehmer hat) gehen die 19 Schweizer beinahe vergessen, die aus den verschiedenen Klassenräumen kommen. Im Lehrerzimmer versammeln sich die neun Lehrkräfte zusammen mit ihren Assistenten, zehn schweizerischen Gymnasiasten. Bald riecht es nach Kaffee: Eine halbe Stunde Zeit, um sich von den morgendlichen Anforderungen zu erholen.

Polnischunterricht
Unesco-Sprachlager

Diese 19 Schweizer sind eine von der Schweizerischen UNESCO-Kommission gesandte Delegation, die es sich zum Ziel gemacht hat, in einem dreiwöchigen Sprachlager die Deutschfähigkeiten der polnischen Teilnehmer zu fördern. Dass niemand von uns Schweizern ein Wort Polnisch spricht und dass wir einander nicht kennen, macht dieses Lager zusätzlich zu einem Abenteuer. Zwei Stunden Deutschunterricht, eine Stunde themenorientierter Unterricht zur Schweiz und Atelierangebote am Nachmittag sind das Tagesprogramm, das die Schweizer zu liefern haben. Erste Priorität hat hier, dass die polnischen SchülerInnen ihre Deutschkenntnisse verbessern. Daneben ist aber auch der kulturelle Austausch eine sehr wichtige Bereicherung; im Unterricht lernen wir Schweizer polnische Bräuche, Tabuthemen, polnischen Humor und die Leistungsbereitschaft der Schüler kennen. Im Gegenzug erfahren die Polen in Diskussionen, Vorträgen und Spielen Wissenswertes über die Gebiete und Städte, über Politik und Kunst, über Bräuche und Menschen in der Schweiz. „Das Unesco-Projekt beabsichtigt nicht nur einen Wissenszuwachs, sondern auch einen kulturellen Austausch, eine Bereicherung, neue Aspekte der Toleranz und der Offenheit." , erklärt der Direktor des Internats auf Polnisch.
Seit 27 Jahren verzeichnet das Lager einen grossen Erfolg und zunehmende Berühmt- und Beliebtheit.

Königspalast Warschau
Schweizer unterrichten schweizerisch

In den Unterrichtsstunden wird äusserst konzentriert gearbeitet. Jede Aufgabe lösen die polnischen Schüler mit viel Engagement, Phantasie und Ausdauer. In den schwächeren Gruppen, wo die Ausdrucksmöglichkeiten noch sehr bescheiden sind, wird primär mit Bildern und Musik gearbeitet, in den stärkeren Gruppen finden stündige Diskussionen statt. Jeder Lehrer versucht zusammen mit seiner Assistentin, seinem Assistenten die Schüler dort abzuholen, wo sie in ihrer Sprachentwicklung stehen, und das ist manchmal fast die grösste Hürde. Denn die neun Klassen von durchschnittlich zehn Schülern sind aufgrund eines einfachen Aufnahmeformulars gebildet worden, was zur Folge hat, dass es relativ grosse Fähigkeitsunterschiede gibt. Diese Diskrepanz wird allerdings durch die Hilfsbereitschaft der polnischen Schüler wettgemacht. Wenn ein Schüler nicht versteht, worum es geht, wird sofort auf Polnisch übersetzt, das Wörterbuch weitergereicht oder noch einmal erklärt.
„Natürlich helfen wir uns. Wenn ich etwas erkläre, muss ich es richtig verstanden haben, somit lerne ich auch wieder dazu", meint eine polnische Schülerin.
Man hört während der Stunden lautes Gelächter. Die Atmosphäre ist locker, tolerant, spontan, und die Schüler können ihre Ideen einbringen. Diese offene Unterrichtsform ist für viele Polen neu. Sie kennen noch viel stärker als wir Schweizer, was es bedeutet, eine strenge Autorität zur Lehrperson zu haben, Prüfungen auf Zeit zu schreiben, Konkurrenzsituationen zu meistern.
Dreifacher Ideenreichtum

Im Lehrerzimmer bringen alle ihre Ideen ein, wie beispielsweise  Grammatik gefestigt oder spielerisch trainiert werden könnte. Das Chaos auf dem grossen Tisch und die Materialkisten am Boden laden zum Ausprobieren und Basteln ein. „Es ist bemerkenswert, wie wir mit relativ wenig Material die verschiedensten Ideen verwirklicht haben. Ein schweizerisches Lehrerzimmer hat das Dreifache an Unterrichtsmaterialien zu bieten. Hier haben wir das Dreifache an Fantasie geliefert, um den selben Erfolg zu erzielen", bringt Yvonne Müller unseren Stolz auf den Punkt. Wir arbeiten als Team, für jede Idee gibt es Interessierte, Motivierte, Leute, die anpacken.

Chopin Park
Polnisches Engagement - schweizerisches Engagement

Wenn man bedenkt, dass wir uns vor diesem Lager erst an zwei Nachmittagen getroffen haben, um von Christian Dischl, dem Verantwortlichen, eingestimmt zu werden, dann ist der Teamgeist hier erstaunlich. Damals in Schwyz waren alle relativ unsicher ins Zimmer gestolpert, hatten bescheiden einen Platz gesucht und brav zugehört, was uns Herr Dischl an Tipps mitgeben konnte. Niemand war wirklich darauf gefasst, an diesem Projekt auch tatsächlich teilnehmen zu können. Die Ausschreibung lief lange und es gab genügend Interessierte aus der ganzen Schweiz, damit Christian Dischl auswählen konnte. „Plötzlich lag ein Brief im Briefkasten und darin stand, dass ich nach Polen reisen würde. Ich habe es fast nicht geglaubt", ähnlich wie bei der Gymnasiastin Sophie Unternährer klang es fast bei allen Teilnehmern. Umso motivierter zeigte sich das neue Team, bestehend aus neun Mittelstufenlehrern und zehn Gymnasiasten, Höchstleistungen zu zeigen. Niemand drückte sich vor der Arbeit, alle organisierten, planten, brachten Ideen. Dieses Engagement nahm die schweizerische Crew mit nach Plonsk. Natürlich freuen und motivieren wir uns riesig an der Initiativenfreudigkeit, die auch auf polnischer Seite deutlich zu spüren ist. Nicht nur im Unterricht stossen wir auf einen unerschöpflichen Tatendrang: Unterstützung und Motivation sind selbstverständlich, Ausflüge verlaufen reibungslos, was auf eine kompetente Vorbereitung schliessen lässt, und der Lageralltag wird durch ein freundliches Personal strukturiert und bereichert.
Polnisch bis ein Uhr früh

Der Lageralltag ist mit dem Abschliessen der Atelierangebote am späten Nachmittag nicht beendet. Wir Schweizer leben mit den Polen zusammen im selben Internat, essen in der gleichen Mensa. Das Einnehmen der Mahlzeiten ist stets ein sehr lautes Unterfangen; 100 Leute drängeln in einer Schlange, reservieren sich Plätze quer durch den Raum, rücken Stühle und klappern mit dem Geschirr. Dieser Lärm muss mit lauten Gesprächen übertönt werden. Dazu erklingt stets das Gelächter der munteren Teilnehmer und auch der Geruch nach Kartoffeln, der vielen Lagerteilnehmern allmählich verleidet, vermag die muntere Stimmung nicht zu trüben.
Nach dem Abendessen treffen sich die schweizerischen und polnischen Schüler in ihren Zimmern wieder. Denn alle schweizerischen Assistenten teilen ihr Zimmer mit vier Polen. „Zum einen fehlt mir dadurch zwar schon der Rückzugsraum, zum anderen ist es extrem spannend, auch noch abends im Bett mit ihnen zu diskutieren", meint die jüngste schweizerische Teilnehmerin, Nadja Schönberg.
Auf polnischer Seite klingt es noch positiver: „Die Schweizer sind so nett! Sie helfen uns immer bei den Hausaufgaben, sprechen mit uns und sind schon richtige Freunde geworden!"

Kulturpalast Warschau
Polnisch: Am liebsten ein Leben lang

Freundschaften entstehen viele. Durch den Unterricht, die Ateliers, die Sporttage und die gemeinsamen Plauderabende im Zimmer sind alle Teilnehmer ständig miteinander in Kontakt und lernen sich richtig kennen. Die Polnische UNESCO-Komission plant für die Wochenende jeweils Ausflüge auf Bauernhöfe oder nach Warschau, Theaterbesuche, die Möglichkeit, schiessen zu gehen oder Konzerte und Discos am Abend. Dank diesen Angeboten teilen sich die Teilnehmer auch die Freizeit, die Sympathien steigen. „Es ist, als wären wir alle schon ewig hier, als würden wir uns seit Jahren kennen.", meint eine polnische Schülerin, als sie gerade mit einer Schweizerin herumalbert.
Abschied - Taschentuchverschleiss

Diese engen Bande sind es denn auch, die den Abschied nach drei Wochen Lageraufenthalt so schmerzhaft lassen werden. Bereits am Vorabend der Abreise gibt es Tränen, alle sammeln die E-Mailadressen der anderen ein, verlangen Unterschriften und gemeinsame Fotos. Wir Schweizer kommen uns vor wie Prominente, die sich aber in ihre Fans verliebt haben. Es ist wahrlich nicht einfach, alle in den Arm zu nehmen und realistisch genug zu sein um zuzugeben, dass wir uns nie wieder sehen werden. Jede gemeinsame Minute scheint plötzlich wertvoll, die Gesichter deutlicher denn je, der muffige Geruch des alten Gebäudes auf einmal unentbehrlich. Margreth Stieger, die Chefin der schweizerischen Delegation erklärt in einer bewegenden Abschiedsrede, dass „wir viel geliefert, hart gearbeitet und das Beste gemacht haben. Aber wir haben noch viel mehr erhalten: Diese Freude einer offenen und toleranten Jugend, den Einblick in eine uns so fremde Kultur, die Möglichkeit, den polnischen Alltag zu sehen und mit so vielen verschiedenen Menschen zu sprechen und Freundschaften zu knüpfen." Der polnische Direktor antwortet mit einer Dankesrede an die Schweizer und wieder fliessen Tränen. Der Abend wird länger und länger, niemand will schlafen gehen. Im Morgengrauen geben dann aber auch die letzten Tanzwütigen auf, und bereits einige Stunden später reisen die ersten Teilnehmer ab. Wir Schweizer sitzen auf den Eingangstreppenstufen und verabschieden alle Vorüberziehenden. Es gibt wieder feuchte Augen, Taschentuchverschleiss und leere Versprechungen. Einen ganzen Tag lang verabschieden wir leichte Bekannte und enge Freunde. Am Abend herrscht in dem kahlen, leeren und viel zu ruhigen Gebäude eine bedrückte Stimmung. Auch beim Essen mit dem Bürgermeister lacht die sonst so freundliche Schweizertruppe wenig.
„Niemand von uns hätte geglaubt, dass drei Wochen reichen, um sich so kennen zu lernen, wie wir das hier erlebt haben", berichtet die Chefin des schweizerischen Teams am Abend dem Bürgermeister. Alle nicken zustimmend und man hört hie und da ein Schniefen.

Tanz in Krakau
Eine Woche Krakau

Während wir die Koffer zum Car schleppen, meint Miriam Strauss: „Es ist gut, dass wir Schweizer noch eine Woche nach Krakau reisen können. Dadurch ist diese Zeit in Polen nicht ganz so abrupt abgeschlossen". Die Polnische UNESCO-Kommission ermöglicht uns diese Reise nach Krakau, wo wir einen anderen Zugang zu Polen erleben dürfen. Einen Zugang als geniessende Touristen, als Touristen, die im Herzen die Erinnerung an 90 polnische SchülerInnen in sich tragen und darum diese Stadt mit anderen Augen sehen.
Vermutlich haben nicht alle SchülerInnen sprachlich gleichermassen von diesem Lager profitieren können. Einige haben fast drei Wochen lang nur Deutsch gesprochen, andere fanden es schwer genug, einen ganzen Satz auf Deutsch zu sagen. Schlussendlich ist dieses Lager aber ein unvergessliches Erlebnis, das die Offenheit und Toleranz für ein anderes Land, für eine andere Kultur zu einer neuen Selbstverständlichkeit werden lässt. Wer einmal erlebt hat, dass die Sprache und die Religion die Menschen nicht trennen, sondern in gegenseitiger Unterstützung vereinen, hat in seinem Herzen neuen Platz geschaffen. Die Teilnehmer dieses Lagers haben es geschafft, über Landes- und Sprachgrenzen hinweg Bande zu knüpfen, die innerlich eine immense Erweiterung bedeuten.
Wir alle danken der Polnischen und der Schweizerischen UNESCO-Kommission, die ein solches Engagement in jungen Menschen hervorzurufen vermögen und eine derartige Bereicherung ermöglichen!
Text verfasst von:

Antonia Stalder
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